Gleichzeitig wird versucht, politische Ziele über Technologien durchzusetzen. Dadurch wird das Thema plötzlich sehr konkret. Ein Kollege hat einmal gesagt: „Souveränität ist die Möglichkeit, vom Verhandlungstisch aufzustehen.“ Genau darum geht es. Ich muss wechseln können, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Die Realität in der gesamten Verwaltung zeigt jedoch, dass wir in vielen Bereichen stark an bestimmte Lösungen gebunden sind. Diese Systeme sind tief im Arbeitsalltag integriert und lassen sich nicht einfach austauschen. Für uns als IT-Dienstleister von MV orientiert sich die Definition an der Rahmenstrategie des Landes. Digitale Souveränität bedeutet dort Wechselmöglichkeit, Gestaltungsfähigkeit und die Möglichkeit, Einfluss auf die eingesetzten Technologien zu nehmen. Das ist auch für uns der Korridor, in dem wir uns bewegen.
Wie ist Europa, aber vor allem Deutschland, bei diesem Thema aufgestellt?
Europa ist in vielen Bereichen von amerikanischen und chinesischen Unternehmen abhängig. Das ist eine Herausforderung, die wir aktiv angehen müssen. Auf EU-Ebene sind die Leitlinien zur Stärkung der digitalen Souveränität zum Beispiel gut durch den Sovereign Cloud Stack definiert. Auf Bundesebene treibt das Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung (BMDS) das Thema stark voran – und die Länder steigen zunehmend mit ein. Wir schauen beispielsweise nach Schleswig-Holstein, wo Open-Source-Lösungen vor allem im Bereich souveräner Arbeitsplatz konsequent eingeführt werden. Ebenso interessant ist Thüringen: Dort entsteht ein vollständig auf Open Source basierendes Rechenzentrum. Von diesen Erfahrungen profitieren wir im DVZ enorm; bekommen sogar einen direkten Zugang zu ihrer Verwaltungscloud zu Testzwecken. Es passiert also schon einiges.
Welche Folgen können starke Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern haben?
Wir merken es vor allem an den steigenden Kosten. Viele große Anbieter erhöhen ihre Preise deutlich und verfolgen eine stärkere Monetarisierung ihrer Produkte. Hinzu können Risiken kommen, die die komplette Arbeitsfähigkeit betreffen. Ein oft diskutiertes Beispiel ist die Situation im Jahr 2025 um den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Dort verloren Mitarbeitende den Zugriff auf ihre Microsoft-basierten E-Mail-Konten, nachdem US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen den Gerichtshof verhängte. Das zeigt sehr deutlich, wie abhängig Organisationen von einzelnen Plattformen sein können. Man kann von heute auf morgen ohne wichtige Infrastruktur dastehen. Das ist keine theoretische Gefahr, sondern eine reale Möglichkeit. Deshalb müssen wir uns die Frage stellen: Wo sind wir besonders abhängig und wo wäre der Schaden im Ernstfall am größten? Nicht jede Abhängigkeit lässt sich vermeiden, aber wir können gezielt dort ansetzen, wo Risiken und Auswirkungen besonders hoch sind.
Open Source gilt als wichtiger Baustein der digitalen Souveränität. Warum?
Ein Missverständnis begegnet mir immer wieder: „Ich setze Open Source ein und bin dann digital souverän.“ Das ist Unsinn – dazu gehört deutlich mehr. Open Source ist ein wichtiger Baustein, aber nicht die gesamte Lösung. Open Source heißt erst einmal nur: Ich kann den Quellcode einsehen. Noch wichtiger ist aber das dahinterstehende Zusammenarbeitsmodell. Ich kann eigene Entwicklungen bereitstellen und andere können sie nachnutzen. Gleichzeitig profitiere ich von Verbesserungen anderer. Mit Open Source entsteht ein gemeinsames Ökosystem, von dem alle profitieren. In Deutschland haben wir mit openCode – ein Produkt des Zentrumsfür Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung im Auftrag des BMDS – bereits eine zentrale Plattform, die man genau dafür nutzen kann. Auch das DVZ beteiligt sich dort und stellt beispielsweise Know-how im Bereich digitale Barrierefreiheit zur Verfügung. Ein gutes Beispiel für die Leistungsfähigkeit dieses gemeinsamen Entwicklungsmodells ist das Betriebssystem Linux. Tausende Menschen entwickeln daran mit, ohne sich persönlich zu kennen und daraus ist eines der erfolgreichsten Open-Source-Projekte der Welt entstanden – Linux steckt mittlerweile in bis zu 20 Milliarden Geräten.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist der sogenannte Deutschland-Stack, der vom IT-Planungsrat beschlossen wurde. Dieser gibt technologische Standards vor, schafft aber auch eine gemeinsame Plattform, die jeder nutzen kann. Hier geht es um Zentralisierung: Nicht jedes Bundesland und jede Kommune entwickelt dieselben Lösungen, sondern es gibt für Kerndienste auchzentrale Lösungen. Dafür wird die Deutsche Verwaltungscloud sozusagen als Betriebssystem genutzt, in der dann zentrale Applikationen aufgebaut und bereitgestellt werden. Man kann sich das ähnlich wie einen App-Store auf dem Smartphone vorstellen: Benötigt eine Verwaltung eine bestimmte Anwendung, soll sie diese künftig einfach auswählen und integrieren können. Einer dieser Standards ist die Nutzung von OpenStack für den Aufbau der Infrastruktur. Hier haben wir im DVZ innerhalb kurzer Zeit eine produktionsnahe Umgebung im Rechenzentrum aufgebaut und können damit virtuelle Maschinen und Containerumgebungen schnell und unkompliziert bereitstellen. Das konnten wir schon vorher – allerdings mit einer Anbieterlösung, von der wir uns abwenden wollen. Der Wechsel ermöglicht es uns, künftig deutlich flexibler und stärker nach Cloud-Prinzipien zu arbeiten.
Summary
- Digitale Souveränität hat zum Ziel, Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern zu reduzieren und Wechselmöglichkeiten zu schaffen.
- Steigende Kosten und politische Risiken zeigen, wie wichtig resiliente und unabhängige IT-Strukturen sind.
- Die Nutzung von Open-Source-Technologien, also quelloffener Software, ist ein wichtiger Baustein hierfür.
- Mit openDesk und OpenStack schafft das DVZ mit dem Digitalisierungsministerium MV die Grundlagen für einen souveränen Arbeitsplatz und eine flexiblere Infrastruktur.
Starke Partnerschaften für mehr digitale Unabhängigkeit
Digitale Souveränität lebt vom Austausch. Das DVZ bringt seine Expertise deshalb aktiv in europäische und nationale Kooperationen ein und arbeitet gemeinsam mit Partnern an offenen, sicheren und zukunftsfähigen IT-Strukturen für die öffentliche Verwaltung.
- Europaweit vernetzt: Seit 2007 ist das DVZ als Gründungsmitglied der EURITAS im Austausch mit europäischen Verwaltungs-IT-Dienstleistern aktiv. In der 2025 aus dem Positionspapier zur digitalen Souveränität hervorgegangenen Arbeitsgruppe „Open Source“ bringt sich das DVZ zu Strategien, Best Practices und Herausforderungen ein. Ziel ist es, als gemeinsame Stimme gegenüber der EU-Kommission aufzutreten und Entscheidungen zur digitalen Infrastruktur und Souveränität mitzugestalten.
- Mitgestalter der Deutschen Verwaltungscloud (DVC): Gemeinsam mit anderen öffentlichen IT-Dienstleistern arbeitet das DVZ an der Fortschreibung des DVC-Rahmenwerks, um es an technische, rechtliche und politische Bedingungen anzupassen. Ziel ist es, einheitliche Standards für den Betrieb aktueller und zukünftiger Cloud-Services zu schaffen, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Anbieterwechsel zu ermöglichen.
- Länderübergreifender Erfahrungsaustausch: Mit dem Thüringer Landesrechenzentrum besteht ein praxisnaher Wissenstransfer zur OpenStack-Umgebung, insbesondere zu Betriebsmodellen, BSI-Grundschutz und Migrationsszenarien. Die Kooperation mit Dataport eröffnet großes Potenzial für gemeinsame Lern- und Entwicklungsprozesse in den Bereichen Open Source, Multicloud-Management, Linux-Clients sowie Open-Xchange und Nextcloud.
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